Der Standort Witten soll zum zentralen Standort und Kompetenzzentrum für Spezialstahl weiterentwickelt werden.
Das Walzwerk Siegen bleibt integraler Bestandteil des Produktionsverbunds, das dortige Stahlwerk soll pausieren.
Für die Werke in Hagen und Krefeld wird ein Verkauf angestrebt.
Der europäische Langstahlmarkt ist strukturell kleiner geworden. Seit 2021 ist das Marktvolumen über alle für die DEW relevanten Produktgruppen deutlich zurückgegangen; wichtige Abnehmerbranchen wie Automobil und Maschinenbau bleiben unter Druck. Hohe Energiekosten und zunehmender Importdruck belasten die europäische Stahlproduktion zusätzlich. Handelspolitische Maßnahmen können kurzfristig Entlastung schaffen, ändern aber nichts an diesen strukturellen Herausforderungen.
Das Produktionssystem der DEW ist für deutlich höhere Mengen ausgelegt. Aus vier traditionsreichen Standorten mit unterschiedlichen Kompetenzen, Produktionsstufen und Anlagenstrukturen ist ein technologisch breites, zugleich aber komplexes Produktionsnetzwerk entstanden: mit hohen Fixkosten, zahlreichen standortübergreifenden Materialbewegungen und erheblichem Investitionsbedarf. Bei den heutigen, strukturell bedingten Absatzmengen lassen sich die vorhandenen Kapazitäten nicht mehr ausreichend auslasten.
Bisherige Maßnahmen brachten keine Rückkehr in die operative Gewinnzone
Die DEW hat in den vergangenen Jahren bereits umfangreiche Verbesserungs- und Restrukturierungsmaßnahmen eingeleitet: Prozesse wurden verbessert, Kosten reduziert und der Personalbestand seit 2022 deutlich gesenkt. Die Beschäftigten haben durch den Verzicht auf finanzielle Zuwendungen und durch Kurzarbeit einen wesentlichen Beitrag geleistet. Diese Maßnahmen haben Wirkung gezeigt. Dennoch ist es nicht gelungen, das Unternehmen zurück in die operative Gewinnzone zu führen. Die erwirtschafteten Deckungsbeiträge reichen bei der heutigen Auslastung nicht aus, um die bestehende Fixkostenbasis zu tragen und gleichzeitig die notwendigen Investitionen in alle Standorte zu finanzieren. Das bestehende Produktionssystem weiter zu optimieren, ist an eine Grenze gekommen. Darum muss es an die veränderten Marktgrößen angepasst werden.
Witten und das Walzwerk Siegen als Kern des künftigen Produktionsverbunds
DEW 2030 ist Teil des Strategie- und Restrukturierungsprogramms SSG 2030 der Swiss Steel Group. Mit Witten als zentralem Produktionsstandort und dem Walzwerk Siegen als integralem Bestandteil des Verbunds soll eine langfristig wettbewerbsfähige industrielle Struktur entstehen. Dazu sollen die verbleibenden Mengen auf weniger und besser ausgelastete Anlagen konzentriert, die industrielle Komplexität reduziert und Investitionen dort gebündelt werden, wo sie langfristig die größte Wirkung entfalten. Zugleich soll das Produktportfolio auf attraktive und profitable Anwendungen ausgerichtet werden.
Witten: Der Standort verfügt bereits heute über das breitere Produktportfolio und deckt alle drei Spezialstahlbereiche – Engineering Steel, Stainless Steel und Tool Steel – ab. Durch die geplante Bündelung der künftigen Absatzmengen soll die Auslastung von Elektrolichtbogenofen und Gießanlage auf nahezu Vollauslastung steigen; das senkt die Kosten je Tonne und macht die Produkte wettbewerbsfähiger. Zugleich will DEW gezielt in den Standort investieren, unter anderem in Verbesserungen am Elektrolichtbogenofen und der Stranggießanlage. Witten ist bereits heute auf margenstärkere und wachsende Endmärkte wie die zivile Luftfahrt und die Rüstungsindustrie ausgerichtet und weniger von der schrumpfenden Automobilindustrie abhängig.
Siegen: Das Walzwerk Siegen soll integraler Bestandteil des künftigen Produktionsverbunds bleiben. Die Stahlproduktion soll in Witten konzentriert werden und das Stahlwerk Siegen soll pausieren.
Hagen: Die Absatzmengen sind seit Jahren stark rückläufig und haben sich von 2018 bis 2025 mehr als halbiert; nach dem Hochwasser im Juli 2021 konnten verlorene Mengen nicht zurückgewonnen werden. Mehr als 70 Prozent der Kunden stammen aus der Automobilindustrie, deren Nachfrage strukturell geschwächt ist. Ein Weiterbetrieb würde hohe zusätzliche Investitionen erfordern, ohne die strukturellen Nachteile zu beheben. Deshalb soll das Werk verkauft werden. Gelingt dies in den kommenden Monaten nicht, plant die DEW den Betrieb am Standort beenden.
Krefeld: Für einen Weiterbetrieb des Standorts durch die DEW sieht das Unternehmen keine langfristig wirtschaftlich tragfähige Perspektive, insbesondere aufgrund der hohen Energie- und Produktionskosten, einem erheblichen Reinvestitionsbedarf sowie die dauerhaft unzureichende Auslastung. Deshalb will DEW das Werk verkaufen. Führen die Verhandlungen zu keinem erfolgreichen Abschluss, plant die DEW den Betrieb am Standort zu beenden.
Verantwortung für die Beschäftigten
„Der strukturell kleinere Markt macht diese Neuaufstellung notwendig. Mit der Konzentration auf Witten und das Walzwerk Siegen wollen wir eine langfristig wettbewerbsfähige DEW sichern. Die Veränderungen sind schmerzhaft. Für die Umsetzung und einen fairen Umgang mit den betroffenen Mitarbeitenden stehen wir als Unternehmensleitung ein.“, sagt Frank Koch, CEO der Swiss Steel Group.
Die Entscheidung greift tief in das Leben von Mitarbeitenden, Familien und in die Wirtschaftsregionen in Nordrhein-Westfalen ein. Der Beschluss ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit und kein Urteil über individuelle Leistungen. Gegenüber den betroffenen Mitarbeitenden wird die DEW ihre Verantwortung wahrnehmen und mit den Betriebsräten über einen Interessenausgleich und Sozialplan verhandeln. Wo möglich, werden zudem Wechselmöglichkeiten innerhalb der DEW-Standorte geprüft und angeboten.
Schrittweise Umsetzung, geordneter Übergang für Kunden
Die umfassende Restrukturierung soll schrittweise innerhalb der kommenden rund zwei Jahre umgesetzt werden. Produktionstransfers, Investitionen und weitere Veränderungen werden dabei aufeinander abgestimmt. Ziel ist ein geordneter Übergang, bei gleichbleibend hoher Qualität und Lieferfähigkeit. Sollte es bei einzelnen Produkten oder Kunden zu relevanten Veränderungen kommen, informiert die DEW frühzeitig und stimmt die nächsten Schritte gemeinsam ab.